Wiesbadener Tageblatt

„Wir sind alle gleich verschlammt“

19.09.2011 – NIEDERJOSBACH

Von Christine Dressler

SCHEESERENNEN Spaß am Fahren und Schrauben steht im Vordergrund / Gastteams aus Spanien und Norwegen

Schlamm spritzt bis zu den Hunderten Erwachsenen, Jugendlichen und Kindern, die lachend und kreischend den Parcours beim 10. Scheeserennen oberhalb des Campingplatzes bei Niederjosbach umringen. Der erste Fahrer Robin Wunsch, 16, und Beifahrer Clemens Horix, 51, sind schon nach Sekunden bis zu den Haaren mit Dreck bedeckt. Robins „Agria Berning“ schreddert mit sechs PS quer über das Feld, schlittert den Hang hinauf und hinunter um Kurven, holpert auf einen Querbalken, quält sich durch eine Spirale und in Zeitlupe durch das Schlammloch. Die Menge jubelt, als Horix nach rund drei Minuten im Ziel abspringt und den roten Knopf drückt. Anders als manche der 37 Paare, die ihm folgen, hat das Team den ersten der beiden Durchläufe perfekt gemeistert.

„Du bist saugut gefahren“, lobt Horix aus der Nähe von Speyer den Jungen aus dem baden-württembergischen Oberhausen. Beide strahlen sich an. Später springt Robin, der als „Büffelteam“ antritt, umgekehrt bei „Power Frosch“ Horix als Beifahrer ein. Denn der fehlt ihnen jeweils. Während sich als Nächste die Heidenroder Nils Ehrlich und Florian Göbel durch den Parcours kämpfen, sagt Horix immer noch schwer atmend: „Das war anstrengend, die Piste ist dermaßen glitschig, dass man nur abdriftet.“ Robin bestätigt: „Ich konnte den vierten Gang nicht nutzen.“ Aber zu gewinnen sei weniger wichtig, als unfallfrei zu bleiben und der „Spaß mit den vielen Leuten, am Fahren, an der Schlammschlacht und am Schrauben“. Am „Agria“ hat er unter anderem den Vergaser vergrößert und startet deshalb wie Horix in der Sport-Klasse.

Beide spanische Teams aus Valencia starten dagegen wie das norwegische in der Power-Klasse, die an Originalteilen nur das Getriebe vorschreibt. In der offenen Klasse ist alles bis zum BMW-Motor erlaubt. Die Heidenroder und Horix’ 15-jähriger Sohn Marvin mit Beifahrer Robin bilden drei der nur fünf Paare mit Original-Scheesen und -Anhängern in der Acker-Klasse. Alle übrigen 28 Teams haben mehr oder weniger stark getunte Untersätze und selbst gebaute Anhänger.

„Die sind starr und kippen nicht so leicht“, erklärt Sabine Ruckelshausen aus Ehlhalten. Sie und ihre Beifahrerin Tanja Bußer sind mit den Walluferinnen Isabella Janisch und Sina Bischoff die einzigen Frauen beim Scheeserennen. Während sich ein Team aus Upstadt-Weiher disqualifiziert, weil der Beifahrer unterwegs verloren geht, und ein anderes aufgibt, weil es sich auch im zweiten Versuch verfährt, schwärmt Ruckelshausen: „Das ist eine Riesengaudi, mal nichts Alltägliches, eine tolle Gemeinschaft und für den Schlamm gibt es Duschen.“ Der Fahrerin, die sonst als Kundenbetreuerin im Büro arbeitet, gefällt: „Hier sind alle gleich verschlammt, gibt es keine Gesellschaftsklassen.“ Das Rennen sei nur der Höhepunkt des Wochenendes, aber das Schönste die gemeinsame Ausfahrt zum Feldberg am Vortag gewesen und die Atmosphäre: „Auf dem Feld sind wir Konkurrenten, aber im Lager ein Team und helfen uns gegenseitig, wenn die Maschinen nicht laufen.“